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Untersuchung einer energetischen Sanierung: Das Brunckviertel

In den 1930er Jahren entstand das Brunckviertel in Ludwigshafen als Arbeitersiedlung für die Mitarbeiter der BASF. In den 1990er Jahren entschied sich die Wohnungsbaugesellschaft LUWOGE aufgrund der zunehmenden Überalterung zu einer umfassenden Modernisierung und energetischen Sanierung, wobei ein für die damalige Zeit auffallend innovatives Konzept umgesetzt wurde. So wurden beispielsweise verschiedene Energieeffizienz-Standards verwirklicht. In einer aktuellen Untersuchung wurde nun die Wirtschaftlichkeit der Maßnahmen beleuchtet. Im Fokus stand die Überlegung: Was wäre, wenn die Modernisierung heute nach aktuellen Rahmenbedingungen durchgeführt worden wäre?


Ausgangssituation: Hoher Leerstand im überalterten Brunckviertel

In den 1930er Jahren wurde das Brunckviertel als Arbeitersiedlung direkt vor den Toren der BASF erbaut, im 2. Weltkrieg völlig zerstört und anschließend nach alten Plänen wieder aufgebaut. Damit schuf das Unternehmen für seine Beschäftigten bezahlbaren Wohnraum mit hoher Lebensqualität und breiten Grünflächen. Doch etwa 50 Jahre nach dem Wiederaufbau konnten die inzwischen "altersschwachen" Gebäude diese Aufgabe nicht mehr erfüllen: "Die Bausubstanz war teilweise stark angegriffen und die Wohnungen nicht mehr zeitgemäß. Sie waren für heutige Maßstäbe nicht nur zu klein, sondern auch ungünstig geschnitten", erklärt der Architekt Thilo Cunz. Dadurch entsprachen sie nicht mehr den modernen Ansprüchen der Mieter, was sich in einer hohen Leerstandsquote von 20% niederschlug. Deswegen entschlossen sich das zuständige Wohnungsunternehmen LUWOGE, die Stadt Ludwigshafen und das Land Rheinland-Pfalz dazu, das gesamte Viertel umfassend zu sanieren und revitalisieren.


1-Liter-Neubauten

In neuem Gewand: 3-Liter-Haus im Bestand

Energetische Sanierung und Neubau revitalisieren das Brunckviertel

Die umfangreichen Bauarbeiten an den etwa 800 Wohneinheiten nahmen neun Jahre in Anspruch, von 1997 bis 2006. Die Gebäude, deren Bausubstanz aufgrund ihres schlechten Zustands nicht erhalten werden konnten, wurden abgerissen und durch Neubauten ersetzt. Besser erhaltene Bestandsgebäude hingegen wurden umfassend saniert. Es entstanden 3-, 5- und 7-Liter-Häuser im Bestand sowie 1- und 5-Liter-Neubauten. Die Liter-Angabe bezieht sich hier auf den Energieverbrauch – 1 Liter entspricht 10 Kilowattstunden Heizwärmebedarf pro Quadratmeter und Jahr. Alle Häuser wurden mit einer Außenwand-, Dach- und Kellerdeckendämmung aus grauem EPS, das bis zu 25% effektiver dämmt als sein weißes Pendant, versehen. Außerdem setzte man Fenster mit 2- bzw. 3-fach Verglasung sowie teilweise Lüftungssysteme mit und ohne Wärmerückgewinnung ein. Das gesamte Viertel wird darüber hinaus durch ein Nahwärmenetz versorgt.


Amortisation: Energetische Sanierung "rechnet" sich heute mehr als vor 15 Jahren

In einer aktuellen Untersuchung hat Thilo Cunz sich nun mit den Aspekten der Wirtschaftlichkeit beschäftigt. Eine der Kernfragen dieser Studie war, wie sich die Wirtschaftlichkeit von energetischen Sanierungsmaßnahmen im Lauf der Zeit gewandelt hat. Der Architekt stellte dabei fest: "Die Amortisationszeit der Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz an den verschiedenen Häusern beträgt, wenn sie heute durchgeführt werden würden, nur etwa 20 Jahre." Noch 2001 war die Situation eine ganz andere: Für die Werte von 2001 ergeben sich nach heutigem Kenntnisstand Amortisationszeiten von mehr als 50 Jahren. Gründe für diese extreme Verkürzung der Amortisationszeiten sind laut Cunz die derzeit günstigen Finanzierungsbedingungen und die aufgrund der höheren Nachfrage gesunkenen beziehungsweise vergleichsweise gering gestiegenen Preise für hochwertige Baustoffe und Komponenten.

Thilo Cunz Die Einsparungen im Detail

Thilo Cunz Amortisationsverlauf der einzelnen energetischen Modernisierungsmaßnahmen im 3‐Liter‐Haus auf Basis heutiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen (2018)

Amortisation am Beispiel: Das erste 3-Liter Haus im Bestand

Im Brunckviertel entstand das europaweit erste 3-Liter-Haus im Bestand. Hierfür wurden alle Außenflächen mit einer 20 cm dicken Dämmschicht aus grauem EPS versehen und die alten Fenster durch Fenster mit 3-fach Verglasung ersetzt. Auch eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung wurde eingebaut.

In den ersten drei Jahren nach der Umsetzung der Maßnahmen wurde im Rahmen eines Kurzzeit-Monitorings der Verbrauch des Hauses genau beobachtet. Dabei stellte sich heraus, dass trotz individueller Heizgewohnheiten der Mieter der angestrebte Verbrauch von 3 Litern im Mittel eingehalten werden konnte und damit die Einsparziele erreicht wurden. Diese Werte bestätigten sich ebenfalls im späteren Langzeit-Monitoring. Im Rahmen der aktuellen Untersuchung wurden auf Basis der Einsparergebnisse zusätzlich die Amortisationsverläufe der einzelnen Maßnahmen bestimmt. Deutlich wird hier, dass sich vor allem die Dämmmaßnahmen schnell amortisieren werden. "Bei der Einzelbetrachtung darf jedoch nicht vergessen werden, dass sich die verschiedenen Maßnahmen untereinander beeinflussen. Wenn man eine Maßnahme umsetzt und auf die andere verzichtet, kann beispielsweise die Behaglichkeit abnehmen", kommentiert der Architekt das Ergebnis. "Die energetische Modernisierung ist nur als Komplettmaßnahme wirklich sinnvoll."

 


In einem nächsten Schritt hat Cunz die Amortisationsberechnungen aus verschiedenen Jahren miteinander verglichen. In den Jahren 2001 bis 2018 hat sich die Amortisationszeit beim 3-Liter-Haus, wie bei den anderen Häusern auch, stark verkürzt, beispielsweise bei der Außenwanddämmung von etwa 30 auf knapp über 10 Jahre. "Die Randbedingungen für eine energetische Sanierung sind im Moment einfach viel günstiger als noch vor 20 Jahren. Gemäß dieser Berechnung macht es Sinn, heute in Energieeffizienzmaßnahmen zu investieren", bemerkt Cunz.

Thilo Cunz Amortisationszeitpunkt der Investitionskosten im Vergleich (2001 und 2018)

Thilo Cunz Vergleich zwischen Finanzierungskosten und den jährlichen finanziellen Einsparungen (2018)

Auch die Finanzierungsmöglichkeiten für das Gebäude wurden bei der aktuellen Untersuchung näher beleuchtet. Dafür stellte Cunz die Finanzierungskosten und die eingesparten Energiekosten pro Jahr gegenüber. Untersucht wurden drei Finanzierungszeiträume (15, 20 und 25 Jahre) und vier mögliche Energiepreissteigerungsraten (2, 3, 4 und 5%). Cunz stellt fest: "Bei einer Energiepreissteigerung von 3% – das entspricht der durchschnittlichen Energiepreissteigerung der letzten 15 Jahre – finanziert sich das 3-Liter Haus über einen Zeitraum von maximal 25 Jahren durch die Einsparungen selbst." Würde die Energiepreissteigerung noch höher ausfallen, käme dem Hausbesitzer sogar ein monatlicher Überschussbetrag zugute.


Energieverbrauch um mehr als 80% gesunken

Neben den rein finanziellen Aspekten hatte die "Revitalisierung" allerdings noch viele weitere positive Effekte: Insgesamt hat sich der Energieverbrauch beim 3-Liter Haus um mehr als 80% reduziert. Auf das gesamte Brunckviertel bezogen, konnten somit in zehn Jahren ca. 8.300 Tonnen CO2-Emissionen verhindert werden. Allein die 3-, 5- und 7-Liter-Häuser im Bestand sparen pro Jahr 387.000 Liter Heizöl ein, was der Füllmenge von 13 Lkw entspricht. Damit hat der verwendete Dämmstoff bereits nach einem Jahr etwa die Energie wieder eingespart, die für seine Herstellung benötigt wurde ("graue Energie"). Damit fällt auch die ökologische Bilanz der Maßnahmen positiv aus. Die Bewohner zeigen sich ebenfalls zufrieden: Fast 85% der Befragten gaben an, sich in der energetisch modernisierten Wohnung wohl bis sehr wohl zu fühlen.

Aus dem revitalisierten Quartier ist ein attraktives Wohnviertel für Alt und Jung, Familien und Alleinstehende geworden. Das zeigt sich auch in einer geringen Leerstandsquote und seltenen Mieterwechseln.

Thilo Cunz, Architekt und Berater



Zentrale Erfolge in Bildern

Der Film erklärt in anschaulicher Art und Weise, welche positiven Effekte der energetischen Sanierung sich im Langzeit-Monitoring des Brunckviertels in Ludwigshafen messen ließen.





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07.11.2019 07:04:10