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Interview



Was ist Nachhaltigkeit?

Ein Produkt ist nur dann nachhaltig, wenn Herstellung, Nutzung und Entsorgung gleichermaßen nachhaltig sind. Sabine Flamme, wissenschaftliche Beirätin des FSDE und Sprecherin des Vorstands im Institut für Infrastruktur, Wasser, Ressourcen und Umwelt (IWARU) der FH Münster, über Kreislaufwirtschaft auf dem Bau – und von EPS.


Was macht ein nachhaltiges Produkt aus?

Ein nachhaltiges Produkt soll möglichst funktional für die heutigen Nutzer sein. Gleichzeitig darf es aber keine wirtschaftlichen, sozialen oder ökologischen Schäden für kommenden Generationen hinterlassen. Dabei ist es wichtig, den gesamten Lebenszyklus des Produktes zu beachten. Denn ein Produkt ist nur dann nachhaltig, wenn Herstellung, Nutzung und Entsorgung nachhaltig sind. Recycling beziehungsweise Kreislaufführung ist für ein nachhaltiges Produkt somit ein entscheidender Faktor.


Das Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit

Wie sieht die ideale Kreislaufwirtschaft aus? Haben Sie ein Beispiel dafür?

Die ideale Kreislaufwirtschaft findet in einem geschlossenen Kreislauf statt. Unsere aktuellen Abläufe in der Herstellung sind jedoch oft linear. Produkte werden hergestellt, genutzt und anschließend entsorgt. Ziel muss es sein, diese Kette in einen Kreislauf umzuformen. In einem solchen Kreislauf werden Produkte bereits recyclinggerecht produziert, Maßnahmen der Wartung und Instandhaltung getroffen, um das Produkt möglichst lange nutzen zu können. Wenn es nicht mehr genutzt und instand gesetzt werden kann, wird es beispielsweise durch Sammlung der Verwertung zugeführt. Hierfür können Aluminiumfenster und das Recyclingsystem des AUF e.V. als Beispiele genannt werden. Hersteller von Aluminiumfenstern haben sich als Branchenverband zusammengeschlossen und organisieren so die Sammlung und Verwertung des Aluminiums. Das Aluminium aus Fenstern gelangt auf diesem Weg wieder zum Hersteller und wird für die Produktion neuer Fenster eingesetzt. Der Materialkreislauf ist somit geschlossen.


Wie schätzen Sie die Aktivitäten der Bauindustrie in Hinsicht auf die Nachhaltigkeit ein?

In der Bauindustrie findet langsam ein Umdenken statt. Immer mehr Hersteller versuchen, ihre Produkte nachhaltig zu gestalten. Insbesondere der Produktionsprozess ist durch Umwelt-Produktdeklarationen (EPD) mittlerweile recht gut dokumentiert. Optimierungen beim Ressourceneinsatz senken in der Regel auch die Produktionskosten und sind dementsprechend attraktiv für die Hersteller. Zudem rückt langsam auch die Möglichkeit der Wiederverwendung und Verwertung in den Fokus. Dazu existieren mittlerweile einige Forschungsprojekte. Die Re!Source Stiftung e.V. etwa adressiert vorrangig die Industrie und hat sich zum Ziel gesetzt, die zirkuläre Wertschöpfung in die Praxis zu bringen. In verschiedenen Arbeitsgruppen geht es etwa um trennbare Materialverbünde und Konstruktionen, um Anreizsysteme, die den Einsatz von recycling- und umweltfreundlichen Inhaltsstoffen voran bringen sollen, sowie darum, die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Bauprodukten transparent zu machen. In der Praxis kommen die Ergebnisse zurzeit leider nur zum Teil an. Hier sind Bauherren und Architekten gefragt, entsprechende Produkte oder rückbaufreundliche Bauweisen zu fordern und in Ausschreibungen und Planungen einzubeziehen. Die öffentliche Hand könnte hier mit gutem Beispiel vorangehen.



Wie schätzen Sie EPS im Kontext der Nachhaltigkeit ein?

Die Ressourceneffizienz von EPS ist aufgrund seiner guten werkstofflichen Eigenschaften bei geringem Ressourceneinsatz (durch die geringe Dichte) recht gut. Durch das Biomassebilanzverfahren ist es mittlerweile auch möglich, EPS auf Basis nachwachsender Rohstoffe zu beziehen. Dazu werden bereits bei der Herstellung der Grundstoffe entsprechende Mengen nachwachsender Rohstoffe eingesetzt und dem Endprodukt bilanziell zugeordnet. Zudem ist Polystyrol als Thermoplast auch gut rezyklierbar. Mit EPS aus dem Verpackungsbereich ist das Recycling bereits im Markt etabliert. Auch im Baubereich gibt es für EPS mit dem heutigen Flammschutzmittel Polymer-FR bereits etablierte Recyclingwege. Bei alten Dämmstoffen verhindert heute das Flammschutzmittel HBCD noch das Recycling. Aber auch hier gibt es neue Ansätze. Die aktuell übliche Entsorgung von HBCD-haltigen EPS-Dämmstoffen in der Müllverbrennung ist zwar unbedenklich und bringt auch Energie zurück, die in den Haushalten genutzt werden kann, doch ist sie nicht nachhaltig. Der hohe Energiegehalt von EPS kann in der Müllverbrennung nicht vollständig genutzt werden. In Zementwerken ist das anders. Hier ist ein hoher Heizwert erforderlich, um Zementklinker zu brennen. Doch wird rückgebautes EPS in Zementwerken derzeit noch wenig als Ersatz für Kohle oder Öl eingesetzt. Dieser neue Ansatz der Verwertung in Zementwerken sowie die werkstoffliche Verwertung nach chemisch-physikalischer Aufbereitung wie PolyStyreneLoop haben das Potenzial, den Status Quo noch weiter zu verbessern.


Es ist sehr zu begrüßen, dass sich die Industrie zusammenschließt und neue Verwertungswege sucht.

Sabine Flamme, wissenschaftliche Beirätin des FSDE und Sprecherin des Vorstands im Institut für Infrastruktur, Wasser, Ressourcen und Umwelt (IWARU) der FH Münster



Was halten Sie von der PolyStyreneLoop-Initiative?

Es ist sehr zu begrüßen, dass sich die Industrie zusammenschließt und neue Verwertungswege sucht. Ein effizienter Prozess zum Recycling von EPS würde die Nachhaltigkeit von EPS als Baustoff weiter erhöhen. Aktuell fehlen aber noch die praktischen Erfahrungen, da die Anlage noch nicht gebaut ist. Neben der technischen Umsetzung bedarf es jedoch auch einer effizienten Rückbautechnik auf der Baustelle und Logistik sowie eventuell auch weiterer Aufbereitungstechnologien im Vorfeld.


Sie sprechen die logistischen Anforderungen an, die für die Etablierung von der PS-Loop-Technologie noch nötig sind ...

Die Transportentfernungen bis zum Standort der geplanten Anlage sind je nach Anfallort der Abfälle sehr groß. Hier bedarf es einer effizienten Logistik, um Kosten und Emissionen gering zu halten. Geplant ist, dass regionale Verteilungs- und Aufbereitungszentren, so genannte Hubs, entstehen, auf denen die EPS-Abfälle aus der Region gebündelt werden. Das EPS soll dort gesammelt und vor dem Transport zur Anlage verdichtet werden, um die LKW-Auslastung zu erhöhen. Dies ist ein guter Ansatz. Sollen EPS-Abfälle mit Anhaftungen, beispielsweise aus Wärmedämmverbundsystemen, verwertet werden, bedarf es allerdings zusätzlich einer Aufbereitung. Hierbei müssen Putze und Kleber vom EPS getrennt werden, denn nur weitgehend sortenreines EPS kann im PolyStyreneLoop-Prozess verwertet werden. Wie eine solche Aufbereitung aussehen kann, erforschen wir aktuell am IWARU.


PolyStyreneLoop Von der Abfallsammlung zum Recycling

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19.01.2020 22:43:51