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Gastbeitrag


Die Vorurteile gegen das Dämmen

Der heute zunehmende Einsatz von Dämmstoffen in energetischen Gebäudekonzepten wie Passiv-, Niedrigenergie- und Sonnenhaus ist kennzeichnend für den Übergang von der Massiv- zur Dämmbauweise. Gegenwärtig hemmen diesen notwendigen baulichen Strukturwandel noch viele Vorurteile gegen Dämmstoffe im Allgemeinen und Polystyrol im Besonderen.


Vorurteil 1: Regenerative Energien reichen für das Heizen aus. Dämmen ist gar nicht nötig.

Das Wissen um den Wärmeschutz von Häusern, Rohrleitungen, Kesseln usw. entwickelte sich im Zuge der Industrialisierung ab 1850. Es besagt, dass Dämmstoffe ihre Wirkung allein durch ihre Materialeigenschaften entfalten. Sie unterliegen keiner Abnutzung, benötigen weder Antriebsenergie noch Regelung, weder Wartung noch turnusmäßige Inspektion und ihre Lebensdauer entspricht der des Bauteils, das sie vor Wärmeverlusten schützen. Die neuere Bauforschung brachte die Erkenntnis: Die erneuerbaren Energien können Gebäude nur unterhalb eines Heizenergieverbrauchs von 50 kWh/(m²*a) vollständig beheizen. Ohne eine Absenkung unter diesen Wert führt für Alt- und Neubauten kein Weg in eine regenerative Zukunft. Allein durch Wärmedämmung unserer Gebäude kann deren Heizenergieverbrauch bis zu 80% gesenkt werden, so Ergebnisse der Studie "Gebäudesanierung Passivhaus im Bestand Ludwigshafen-Mundenheim". Sie hält die zukünftige Heizstrommenge gering und reduziert den Ausbau des Stromnetzes, das hilft dem Naturschutz. Sie ermöglicht einfachere Heizungstechniken und erhöht deren Wirkungsgrad. Zukünftig müssen wir die Energie erzeugen, die wir bisher als fossiles Geschenk aus dem Boden holten. Daher ist Effizienz das erste Gebot für alle Energieverbrauchsbereiche. Die Gebäude der Zukunft müssen energieeffizient sein, weil Wind, Sonne und Biomasse nicht die Potenziale haben, um regenerative Energien für einen vermeidbaren Energieverbrauch zu verschwenden. Deshalb ist Dämmung eine Schlüsseltechnologie für die Wärmewende.


Hessisches Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung Bilanz der Erdöleinsparungen bei Dämmung mit EPS

Vorurteil 2: Die "graue Energie" macht Dämmen uneffizient.

Die Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) entzauberte in einer nationalen Studie, was hierzulande für Verwirrung sorgt: Nur 8-10% des jährlich auf den Gebäudesektor entfallenden Primärenergieverbrauchs entstehen bei Neubau und Bestandsmodernisierung durch die "graue Energie" in den Baustoffen. Wer auf Passivhauskonzepte für Neu- und Altbauten setzt, halbiert diesen Anteil nochmals, so die EMPA-Studie. Der einmalige Energieaufwand für die Herstellung eines Gebäudes ist vor allem durch die Massivbauteile geprägt. Hierauf entfallen bei gut gedämmten Niedrigenergiehäusern immer noch 80% der Herstellungsenergie, bei optimal gedämmten Passivhäusern sind es 75%. Vorrangig sind also Massivbaustoffe ressourcenschonender herzustellen. Unterschiede zwischen einzelnen Dämmstoffen sind demgegenüber unerheblich. Deren Raumgewicht von nur 17-250 kg/m³ zeichnet sie als massearme Bauprodukte aus, sie bestehen zu 98% aus Luft. Hier hat Polystyrol mit nur 17 kg/m³ die Nase vorn. Um eine Außenwand im Gebäudebestand auf einen U-Wert von 0,2 W/(m²K) zu verbessern, benötigt man bei Polystyroldämmung 14 cm Dicke mit 0,032 W/(mK). Hierfür beträgt die nichterneuerbare Produktionsenergie rund fünf Liter Öl pro m² Dämmung. Über 50 Jahre werden mehr als 400 Liter Heizöl pro m² einspart, das ist 80-mal mehr, als für die Herstellung benötigt wurde. Mit der eingesparten Energie können rechnerisch nach 50 Jahren weitere 80 m² Dämmung hergestellt werden, so unsere eigenen Berechnungen (Energieinstitut Hessen).


Vorurteil 3: Es dauert ewig, bis sich eine Investition ins Dämmen energetisch rechnet.

Die energetischen Amortisationszeiten aller Dämmstoffe liegen im Altbau bei wenigen Monaten. Für Neubauten belegen Lebenszyklusanalysen für Niedrigenergie-, Passiv- und Sonnenhaus aus Österreich (Bundesministerium für Verkehr, Innovation, Technologie) und Deutschland (Bayerisches Landesamt für Naturschutz): Beim üblichen Dämmstoffmix amortisiert die Energieeinsparung den Aufwand für die Dämmstoffe inklusive Abriss und Recycling und mindert auch bei großen Dämmdicken den Treibhausgasausstoß. Auch eine zukünftig dekarbonisierte Wärmeversorgung unserer Gebäude spricht nicht gegen die Dämmung, da sie ab diesem Zeitpunkt ebenfalls mit Ökostrom hergestellt wird und bereits ein beträchtliches Rohstoffpotenzial "angespart" hat. Wenn jeder m² Dämmstoff in 50 Jahren seinen Herstellungsenergieaufwand 80-mal amortisiert, verachtzigfacht sich die energie- und treibhausgasneutral herstellbare Dämmfläche kumulierend alle 50 Jahre. Darüber hinaus schont Dämmung Baustoffressourcen, da sie die Nutzungszeit unserer 21,5 Millionen Altbauten um mehr als 100 Jahre verlängert.


Vorurteil 4: EPS ist nicht nachhaltig.

Die Zeit des "Sorglos-Öls" geht zu Ende. Wir holen bereits die letzten Ölmengen durch Fracking aus Ölsanden und Ölschiefer. Das Naturprodukt wird rarer, ein sparsamer Umgang zwingender, um künftigen Generationen die Erzeugung sinnvoller Produkte auf dessen Grundlage zu ermöglichen. Daraus folgt, dass wir diesen Rohstoff nicht mehr zur Verbrennung, sondern zur Herstellung langlebiger und recycelbarer Produkte nutzen müssen, zu denen auch Dämmstoffe aus Polystyrol zählen. Derzeit dienen nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen 93% der jährlich in Deutschland verbrauchten Ölmenge der Verbrennung und lediglich 0,4 % der Produktion von langlebigen Dämmstoffen (Energieinstitut Hessen). Bereits mit dieser minimalen und faktisch intelligenten Nutzung von Rohöl für Dämmstoffe sparen wir Jahr für Jahr große Mengen dieser wertvollen Ressource bei der Gebäudeheizung ein. Dämmstoffe aus Öl sind deshalb eine intelligente Nutzung von Rohöl. Für die Herstellung der Polystyroldämmstoffe reicht rechnerisch die heimische Ölförderung aus. Der Erkenntnis folgend, dass der gesamte Gebäudebestand energieeffizient umgerüstet werden muss, was auf Jahrzehnte die Verdreifachung der Dämmstoffmengen erfordert, sind wir auf alle Dämmstoffe angewiesen. Da ist es gut, dass Polystyroldämmstoffe ihr Ressourcenbasis von selbst erhalten.

Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen Die überwiegende Menge an Erdöl in Deutschland werden verbrannt und nur 0,4% in Dämmstoffen verarbeitet

Vorurteil 5: Hartschaum ist nicht recycelbar.

Noch in den 70er Jahren war Bauschutt aus Massivbauabbruch ein Problem auf unseren Bauschuttdeponien. Deutschland ist Massivbauland und der Bauschuttmassenstrom aus Steinen, Beton, Putz fällt entsprechend groß aus. Während Massivbaustoffe meist nur ein Downcycling ermöglichen, sind Dämmstoffe recycelbar. Aktuell besteht noch kein akuter Handlungsbedarf. Zum Beispiel kommen auf der größten hessischen Bauschuttdeponie im Jahr nur 65 Tonnen Dämmstoffe aber 150.000 Tonnen Massivbauabbruch an.



Bei den Dämmstoffen aus Nachwachsenden Rohstoffen setzt man stark auf die Verbrennung und Verschwelung, also auf Downcycling. Für Polystyrol hingegen bietet sich ein effektives Recyclingverfahren an.

Werner Eicke-Hennig, Energieinstitut Hessen


Alle Dämmstoffhersteller arbeiten derzeit an Konzepten, um dem Kreislaufwirtschaftsgesetz zu entsprechen. Bei den Dämmstoffen aus Nachwachsenden Rohstoffen setzt man stark auf die Verbrennung und Verschwelung, also auf Downcycling. Für Polystyrol hingegen bietet sich ein effektives Recyclingverfahren an. Eine erste Anlage ging 2018 im kanadischen Montreal in Betrieb, in Holland ist für Europa ein erster Betrieb in Bau. Mit dem vom Fraunhofer IVV entwickelten CreaSolv©-Verfahren wird das Polystyrol an der Baustelle verflüssigt, damit im Volumen stark reduziert und transportierbar. Mineralische Reststoffanhaftungen (Putz, Mörtel) und Flammschutzmittel werden in der Recyclinganlage abgetrennt, das Lösemittel zurückgewonnen. Übrig bleibt "Polystyrol in Lösung", das wieder zu neuwertigen Dämmplatten verarbeitet wird. Dieser wiederholbare Prozess kann das Dämmmaterial weit mehr als 100 Jahre in Nutzung halten. 


Damit existiert für Polystyrol als erstem Dämmstoff ein kreislaufwirtschaftliches Verfahren. Er amortisiert sich während seiner Lebensdauer, spart im Anschluss während weiterer 50 Jahre die Ressourcenbasis für eine achtzigfach größere Dämmfläche an und läßt sich bei Abriss wieder als Dämmstoff zurückgewinnen. Grundsätzlich gilt für alle Dämmstoffe: Deponierung wird bald die Ausnahme sein. Sie gehören zu den materialsparenden Baustoffen der Zukunft.



Autor

Werner Eicke-Hennig ist gelernter Bauzeichner und studierter Städteplaner. Er war viele Jahre für das Institut Wohnen und Umwelt (IWU) tätig und betreibt heute zusammen mit Klaus Frey das Energieinstitut Hessen. Seine Kernthemen: Energieberatung, Energieeinsparung im Gebäudebestand und Niedrigenergiestandard im Neubau.


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19.10.2019 00:47:23